".... und niemals verzagen."

Predigt am 1.Januar 2002 im Rahmen des Ökumenischen Gottesdienstes der ACK in der Frauenkirche von Dr. Hans Birkel

 

"Ja. Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen."
(Jesaja 12,2)

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde!

.... und niemals verzagen.
Denn:Gott ist meine Rettung, ihm will ich, kann ich vertrauen. Unbedingt.

Selten habe ich eine Jahreslosung so treffend, so nahe und aktuell empfunden wie diese, nach der wir das Thema für diesen Gottesdienst gewählt haben.

Nicht verzagen - nicht verzagen müssen. Denn: Als Christen können und dürfen wir uns dessen gewiß sein: Ja, ja - trotz allem, Gott in Christus uns zugewandt, unsere Rettung - noch immer.

In ihm sind wir geborgen, an diesem neuen Tag des Jahres und alle Tage des vor uns liegenden Jahres - so, wie wir uns geborgen wissen durften in ihm alle Tage des alten Jahred2001 bei allem, was uns dieses Jahr persönlich und an weltbewegenden Ereignissen gebracht hat.

In ihm geborgen und gerettet - einfürallemal.

Zu feiern und zu preisen ist diese unsere Rettung und Bewahrung immer wieder!

Wir tun das jetzt in dieser gottesdienstlichen Gemeinschaft und wir bezeugen damit als Christen in dieser Stadt unsere Zuversicht und unsere Zusammengehörigkeit gerad angesichts der Nöte und Unsicherheiten, die uns betroffen haben.

Gott ist meine Rettung - unsere Rettung - ihn können wir wahrhaftig vertrauen - wir haben es ja mit dem Weihnachtsfest auch festlich gefeiert - unsere orthodoxen Schwestern und Brüder werden es mit ihrer großen und reichen Liturgie noch tun können. Unsere guten Wünsche sollen Sie, unsere orthodoxen Schwestern und Brüder begleiten .Wir haben die wunderbaren Klänge der Weihnachtsbotschaft noch im Ohr - sie sollten uns all die Tage begleiten, die vor uns liegen: "Siehe , ich verkündige euch große Freude. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr."

Die Stimme der Freude - sie haben wir gefeiert und feiern wir sie gemeinsam jetzt - sie verbindet und eint uns - auch wenn unsere Weihnachtstermine nach unseren Traditionen noch immer unterschiedlich sind.

Aus dieser Freude, die wir uns nicht selbst sagen und bereiten können, die uns geschenkt und anvertraut ist, können, dürfen, sollen wir es sagen und wagen können:

Nicht verzagen !

Nicht verzagen - das ist ja wirklich so etwas wie das entscheidende Stickwort, für unseren Glauben, unseren gemeinsamen christlichen Glauben in diesen Tagen.

Wahrhaftig - wenn uns das gelänge, wenn wir das am Ende diese nun beginnenden Jahres miteinander sagen könnten, jeder auf seine Weise:

Nein, verzagt bin ich trotz alledem nicht , was wieder zu ertragen, zu bewältigen war in diesem Jahr 2002 , trotz aller Katastrophenmeldung und Ereignissen, von denen wir uns jetzt Gott sei Dank noch gar keine Vorstellung machen - nein - nicht verzagt.

Nicht verzagt trotz mancher Enttäuschungen auch im Zusammenfinden und Zusammenleben der Religionen - ja der Konfessionen. Das ist ja auch ein Thema, das uns nicht selten verzagt sein läßt oder lassen möchte: Die immer noch getrennt lebenden Kirchen und Konfessionen, die unterschiedlichen Traditionen, die uns noch immer manche Fremdheit und Mißverständnis bescheren.

Ganz zu schweigen von dem schwierigen Vorhaben, in ein verständnisvolles Gespräch mit anderen Religionsgemeinschaften zu kommen. Welche Verantwortung wir da als Christen in unserem Land haben, vor allem im Blick auf das Gespräch mit den Muslimen, steht uns allen wohl vor Augen. Gebe Gott, daß wir Wege finden, mit dieser Aufgabe und Verantwortung zurechtzukommen.

Nein, nicht verzagen - nicht verzagen müssen.

Ein bloßer , noch so gut gemeinter Appell hilft uns nicht. Das wissen wir.

Kopf hoch, es ist doch alles nicht so schlimm, uns geht es ja doch und trotz allem immer noch ganz gut. Das Leben hat ja auch schöne Seiten - nicht nur Terror und Gewalt und religiöse Fanatiker und aggressive Fundamentalisten.

Und die Konfessionen leben doch inzwischen ganz friedlich miteinander - wie uns solche Gottesdienste ja auch beweisen.

Gewiß - und dankbar erkennen wir dies auch zu Beginn des neuen Jahres. Unser Leben, auch unser Leben als Kirchen und Gemeinden ist auch ein von Gott gesegnetes Leben - und wir spüren es auch immer wieder.

Dennoch:

Nicht zu verzagen - bei den immensen Nöten und Problemen, die uns immer wieder erwarten, auch in der Ökumene, in der wir es beispielsweise in absehbarer Zeit wohl nicht schaffen werden, gemeinsam die Eucharistie am Tisch des Herrn zu feiern -das alles ist nicht mit dem guten Rat: Kopf hoch, und : Man sollte immer Optimist sein - damit ist es nicht getan . Wir sollten ehrlich sein mit unseren Sorgen und Nöten - in unserem persönlichen Leben, in Schuld und Unfrieden, unter denen wir leiden, auch in der Ökumene.

Mit Plattheiten und billigen Oberflächlichkeiten, die uns ein wie die billige Reklame, mit der wir überschüttet werden, versucht man uns oft genug abzuspeisen.

Der Glaube bleibt ehrlich und deckt die Not nicht mit billigen Sprüchen zu - denn Christus kam als Flüchtlingskind ohne Herberge und starb für uns - um unserer Not, Schuld und unseres Unfriedens willen.

So will auch die Not ernst genommen werden, die uns verzagen läßt.

Verzagtsein - das geht in die Tiefe. Das geht an die Substanz. Das ist eine bitter ernste Angelegenheit:

Verzagtsein - das heißt : die Energie der Hoffnung und der Zuversicht, nicht mehr zu erfahren, stumpf und bitter durch die Tage gehen müssen, jeder Energie des Glaubens und des Lebens beraubt . Verzagt sein müssen, wie es dem Propheten Jesaja angesichts des bitteren Schicksals seines Volkes vor Augen steht als eine ausweglose Situation - wahrhaft, das wäre das Ende jeder Freude und Dankbarkeit, das wäre die Lähmung schlechthin.

Verzagt zu sein - das kann sich in unserer optimistisch, auf Änderung und Veränderung gestimmten Gesellschaft des rascher, besser , Höher, schneller ja eigentlich auch niemand mehr leisten. Vielleicht wird deshalb die Depression zur Volkskrankheit Nr. 1 - wie wir nach außen das Empfinden: Es geht nicht mehr, nicht zeigen und mitteilen dürfen. Daß wir Not des Verzagtseins erleben und erfahren - das sollten wir Christen uns zugestehen.

Verzagen - das könnte mancher von uns gerade auch deshalb, weil wir als Christen das Gefühl haben müssen: Wir werden mit unseren christlichen Werten und Tugenden immer weniger wahrgenommen und anerkannt in der uns umgebenden Gesellschaft.

Diese unsere gottesdienstliche Gemeinschaft des Singens und Betens, der gegenseitigen Annahme und der gemeinsamen Freude über den weihnachtlichen Gott stärkt uns. Die Not des Verzagtseins , die Sorge, ich möchte doch manchmal schier verzweifeln und verzagen - diese Not zu teilen, auch mit unserem Gott sie zu teilen in Christi Namen - so wie wir jetzt in den Fürbitten unsere Sorgen gemeinsam vor Gott bringen. das wäre schon der erste Schritt des Vertrauens und des Wandels.

Gott sei Dank , daß er uns am Anfang dieses Jahres so segnet - mit dieser Gemeinschaft und diesem Vertrauen.

Wir wissen es nicht, was alles vor uns liegt. Aber: Wir ahnen wohl alle nichts Gutes. Und nach alledem, was wir an Erfahrungen im letzten Jahr gemacht haben, nach alledem, was es auch an ganz persönlichen Schicksalsschlägen zu bewältigen gab unter uns - das Verzagen war uns wohl oft genug nahe, vielleicht sehr nahe, zu nahe.

Ich schließe mit einem Vers aus dem wunderbaren Lied von Jochen Klepper, einem Christen, der in dunkelster Nacht während der Herrschaft des Nationalsozialismus fast zur Verzweiflung getrieben wurde und doch so dichten konnte:

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld
Doch wandert nun mit uns allen der Stern der Gotteshuld
Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr
Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Amen.