Ansprache beim Gottesdienst "Frieden für das Heilige Land" am 26.04.02, 18.00 Uhr in der Frauenkirche von Stadtdekan Michael Bammessel

 

Matthäus 23,37 (Einheitsübersetzung):
Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

Lukas 19,41+42 (Einheitsübersetzung):
Als Jesus näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jetzt aber bleibt es vor deinen Augen verborgen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

viele von Ihnen waren schon im Heiligen Land und haben auch Jerusalem besucht. Vielleicht sind Sie auch am Ölberg in jene kleine Kapelle gekommen mit dem Namen Dominus flevit ("Der Herr hat geweint"). Sie ist architektonisch einer Träne nachempfunden - und wenn man sie betritt hat man durch ein kunstvoll gestaltetes Glasfenster einen einmaligen Blick auf den Tempelplatz mit dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee.

In das Glasfenster eingezeichnet sind die Umrisse eines Kelches, Zeichen für das Abendmahl, die Feier der Versöhnung. Wer durch dieses Fenster blickt, sieht alles gleichzeitig: Den alten heiligen Tempelberg der Juden, den Wallfahrtsort der Muslime, und den Kelch als ein Zeichen der Christen. Es ist ein harmonisches friedliches Bild.

Gebaut allerdings ist diese Kapelle an einem Ort der Ratlosigkeit und Verzweiflung. Denn hier soll nach der Tradition Jesus in Tränen ausgebrochen sein über diese Stadt: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt. Jesus sieht diese heilige Stadt vor dem Scheitern. Sie hatte eine Gelegenheit zum Frieden, doch sie wurde verpasst. Noch liegt sie glänzend im Sonnenlicht, aber Jesus sieht sie schon vor seinem inneren Auge in Trümmern liegen. Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was dir Frieden bringt.

Jerusalem, die Stadt, deren Name nach einer alten Tradition als "Stadt des Friedens" gedeutet wird. Nun eine Stadt, die den Frieden nicht ergreift.

Wir sind nicht Jesus, wir sind auch nicht Propheten und können nicht erkennen, welchem Schicksal diese Stadt und dieses Land entgegensteuert. Aber wir gleichen einem Betrachter, der ein gelobtes und geliebtes Land in Trümmer sinken sieht - fassungslos, den Tränen nahe.

Und wir verstehen es kaum, was dort geschieht. Wie kann ein 16-jähriges Mädchen sich Sprengstoff umbinden, in ein Café gehen und eine Schar ahnungsloser Menschen in den Tod reißen? Wie können Panzer in einer Kleinstadt parkende Autos von Zivilisten einfach niederwalzen? Wie können Menschen vom Turm der Geburtskirche in Bethlehem herab das Gewehrfeuer eröffnen? Wie kann man einen jungen Mann erschießen, nur weil er nach der Ausgangssperre nicht rechtzeitig vom Lebensmitteleinkauf zuhause war? - Ereignisse die uns aus dem Heiligen Land berichtet werden, und die uns fassungslos und ratlos machen.

Und mitten drin, als Kern des Konfliktes, Jerusalem selbst. Es war gerade das Problem Jerusalem an der seinerzeit in Camp David jenes kühne Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern nicht zustande kam, als sich Barak und Arafat so nahe schienen als nie zu vor. Jerusalem!

Jerusalem ist nach der biblischen Tradition der Ort der Versammlung. Hier sollte sich Israel versammeln, dreimal im Jahr. Der Ort der gemeinsamen Anbetung.

Jerusalem, nach der Tradition der Propheten sogar der Ort der großen Völkerwallfahrt. Wie schildert es Jesaja in seiner Vision: Alle Völker werden sich aufmachen nach Jerusalem zum heiligen Berg. Und dort werden sie von Gott die neue heilsame Weisung bekommen und ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden.

Das ist die Bestimmung Jerusalems als Ort der Versammlung und des Völkerfriedens. Sogar als "Mutter der Völker" wird Jerusalem in der hebräischen Bibel gesehen - und Paulus bezeichnet sie als "unsere Mutter".

Genau in dieser Tradition steht Jesus, wenn er sagt: Jerusalem, Jerusalem, wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.

Ja, warum wollen sie nicht? Aus unserer deutschen Fernsehperspektive erscheint es vielleicht einfach: Die müssten den Frieden nur wollen, dann ginge es schon. So meinen manche.

Aber wenn man im Heiligen Land ist und mit den Menschen von verschiedenen Seiten spricht, dann beginnt man zu begreifen, was in ihnen vorgeht. Wenn man sieht, wie schon seit Jahrzehnten Kindergärten in Israel mit Stacheldraht geschützt sind aus Angst vor Anschlägen. Wenn man einer palästinensischen Mutter zuhört, die ihr Kind nicht in ein nahes israelitisches Krankenhaus bringen konnte wegen einer Straßensperre. Wenn man an die jüdischen Bewohner denkt, die nachts von Beit Jala aus beschossen werden. Oder an die palästinischen Christen, die wochenlang nicht mehr zum Gottesdienst gehen konnten, weil es die israelische Besetzung unmöglich machte - dann beginnt man zu ahnen, warum es dort so schwer ist, friedlich zusammen zu wohnen.

Es ist für mich ein Trost, das diese Ratlosigkeit und Ohnmacht auch Jesus selbst verspürt hat: Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt.

Ich glaube, liebe Gemeinde, es ist nicht unser Amt, den Menschen dort im Heiligen Land zu raten oder gar über sie zu richten. Sicher brauchen wir uns nicht verbieten zu lassen, Unrecht Unrecht zu nennen: Es kann nicht recht sein, wenn man Frauen, Männer und Kinder, die zusammen einen Feiertag feiern, in die Luft sprengt. Es kann nicht recht sein, wenn man ohne ordentliches Gerichtsverfahren einfach das Haus einer Familie abreißt, nur weil ein Familiemitglied zum Gewalttäter wurde. Wir brauchen nicht Unrecht schönzureden.

Aber über Völker zu richten, die sich selbst in einer existenzbedrohenden Lage sehen, das würde ich mir jedenfalls nicht zutrauen.

Deshalb sehe ich unsere Aufgabe im Gebet. Das Gebet ist mehr als Ohnmacht, das Gebet ist eine Kraft des Friedens, denn es zieht Gott in die Sache hinein.

Wir können für alle Menschen in Israel und Palästina beten. Sie bleiben unsere Geschwister und Freunde. Und damit tun wir etwas, was viele Menschen im Land dort wohl nicht mehr können. Wir bauen eine Brücke des Gebets.

Unsere Aufgabe ist außerdem, hier in unserm Land allen Stimmen des Unfriedens zu wehren. Wir lassen nicht zu, dass ein neuer Antisemitismus sich breit macht. Selbst wenn er von einem gewählten Mitglied des Stadtrats kommt.

Wir lassen nicht zu, dass unsere muslimischen Mitbürger in die Ecke gedrängt oder pauschal verdächtigt werden. Dass unsere Polizei Mitglieder einer möglichen Terrorzelle entdeckt hat, darf die vielen Menschen aus arabischen Ländern, die friedlich unter uns wohnen, nicht in ein schlechtes Licht rücken.

Vor allem aber ist es unsere Aufgabe, dass wir uns an die Seite der Opfer stellen, ganz gleich als welchem Volk sie kommen. Wir gedenken in Trauer der Opfer aus dem jüdischen Volk, dem biblischen Volk der Verheißung. Wir gedenken in Trauer der Opfer unter den christlichen Arabern im Heiligen Land. Und wir gedenken genauso der Opfer unter den Muslimen.

Denn das war der Weg Jesu: Nachdem er über Jerusalem geweint hat, ging er entschieden seinen Weg: Er teilte das Leiden der Menschen und ging ans Kreuz. Er stellte sich hinein in die Geschichte der Opfer. Das war der Beginn der Auferstehung.

Deshalb beten wir für die Auferstehung auch des Heiligen Landes.

Amen.