Erwin Westermeier

Ostern gemeinsam feiern

Die Botschaft der Engel im leeren Grab (Lk 24, 1-12)

AcK-Gottesdienst in St. Martha am 19.04.2001

In diesem Jahr feierten die Ostkirchen (Altorientalen, Orthodoxe und Katholiken) und die Westkirchen (röm. Katholiken und Reformationskirchen) gemeinsam das Osterfest am 15. April. Der julianische Kalender der Ostkirchen und der gregorianische der Westkirchen errechneten das gleiche Datum. 1990 war das schon so und im 20. Jahrhundert ergaben sich 26 gemeinsame Ostertermine.

Das Osterfest ist jüdischen Ursprungs, geprägt ist es vom Gedenken an die Auferstehung Christi. Zur Zeit Jesu waren im Mittelmeerraum vor allem zwei Kalender im Gebrauch: der jüdische Mondkalender und der von Julius Caesar im Jahre 45 v. Chr. eingeführte Sonnenkalender (der Julianische).

Der jüdische Kalender richtet sich nach dem Mond und lässt jeden Monat mit dem sichtbaren neuen Mond beginnen. Jeder 14. Tag des Monats trifft deshalb auf den Vollmond. Das Pessach der Juden am 14. Nissan ist ein Vollmondfest, das auf den ersten Vollmond im Frühling trifft.

Der römisch-julianische Kalender orientiert sich am Sonnenlauf. Beiden Kalendern gemeinsam ist der 7-Tage Rhythmus. Wegen seiner Genauigkeit und Praktikabilität hat dieser julianische Kalender fast alle anderen Kalender verdrängt.

Das Gedenken der Auferstehung prägt die Christenheit seit den Tagen der Apostel und dieses Gedenken wurde am Sonntag gefeiert. Die Judenchristen wollten für das Osterfest am 14. Nissan festhalten, die Heidenchristen haben den Sonntag danach bevorzugt, andere wiederum wollten einen festen Termin. Von Anfang also kannte die Christenheit verschiedene Ostertermine und es kam, wie es kommen musste: zum Osterfeststreit um den "richtigen" Ostertermin.

Um die Streitigkeiten zu beenden hat das Konzil von Nicäa 325 beschlossen, Ostern an dem Sonntag zu feiern, der dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsbeginn folgt. Der Frühlingsbeginn wurde als unveränderlich auf den 21. März festgelegt. Die Patriarchen von Rom, Konstantinopel, Alexandrien und Antiochien machten es sich zur Regel, zu Epiphanias am 6. Januar in ihren Osterbriefen die beweglichen Feste des ganzen Jahres anzukündigen.

Trotz der Regelung von Nicäa ergaben sich immer wieder Abweichungen. Die Alexandriner hatten die besseren Mathematiker und Astronomen, die Römer bestanden auf ihrem Vorrang und wollten die alexandrinischen Tabellen nicht akzeptieren.

Außerdem ist nicht überall zugleich Tagesbeginn, deshalb variieren die Angaben und der astronomische Frühling (die Tag- und Nachtgleiche) fällt nicht immer auf den 21. März, sondern schwankt zwischen dem 9. und 22. März.

Auf Grund jahrelanger Beobachtungen wurden Ostertafeln mit den Osterterminen für viele Jahre aufgestellt. Diese Tafeln nannte man lateinisch "computus paschalis". Die Spezialisten, die sich damit befassten nannte man lateinisch Computisten (die "ersten Computer-Fachleute").

Als um das Jahr 525 der Mönch Dionysius Exiguus die alexandrinische Ostertafel in Rom durchsetzte, galt für mehr als tausend Jahre ein gemeinsamer Ostertermin.

Um Abweichungen zwischen dem Kalender und den astronomischen Beobachtungen auszugleichen und damit sich auch wieder den Bestimmungen des Konzils von Nicäa zu nähern, reformierte Papst Gregor XIII. 1582 den julianischen Kalender. In der Bulle, mit der der Papst den neuen Kalender vorstellte, bat er die Monarchen aller Länder den neuen Kalender einzuführen, was die katholischen Länder auch taten. Die protestantischen Fürsten widersetzten sich unterschiedlich lange, obwohl auch ihre Astronomen für die Reform eintraten. Der Schweizer Kanton Graubünden führte den neuen Kalender erst 1825 ein. Die orthodoxen Länder lehnten den Kalender als päpstlich ab. Seither gelten die unterschiedlichen Regelungen. Der gregorianische Kalender ist als bürgerlicher Kalender in allen Ländern eingeführt. Die Christenheit errechnet ihre Ostertermine aber unterschiedlich.

Vielleicht gehören die unterschiedlichen Termine, die sich ab und an ja überschneiden, zur Vielfalt in der Einheit. Aber wenn am gleichen Ort Ostern nicht zum gleichen Termin gefeiert wird, ist das durchaus ärgerlich und für viele dem Christentum fernstehende Zeitgenossen unverständlich. Dieses Ärgernis betrifft natürlich die Stadt Jerusalem, aber genauso unser Stadt Nürnberg, in der sich Christen der orthodoxen, der röm.katholischen und der protestantischen Tradition befinden. 1

"Anlässlich des ersten gemeinsamen Osterfestes der orthodoxen und der westlichen Kirchen seit elf Jahren kritisierte der Ratsvorsitzende der evang. Kirche Manfred Kock die Fixierung auf deren Unterschiede. Gerade weil in jüngster Zeit eher das Trennende der Kirchen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, sei es notwendig, sich wieder auf den zentralen Auftrag, das Zeugnis vom Sieg Christi über den Tod zu besinnen. ‚Angesichts von Todeserfahrungen und Todesgefahr in unserer Welt sollten Christen ihre Gemeinsamkeit demonstrieren und mit ihrer Osterfreude eine Umkehr in die Wege leiten', forderte Kock." 2

Richten wir also unseren Blick auf das Gemeinsame. Was ist unsere Aufgabe als Kirchen in Vielfalt? Gemeinsam dürfen Auferstehungszeugen für heute sein!

Ist das nicht eine Überforderung? Und doch, denke ich, ist es genau die Aufgabe, die uns heute gestellt ist. Es wird von uns nicht erwartet, dass wir unsere kircheninternen Suchbewegungen perfekt ausführen; es wird nicht erwartet, dass wir von heute auf morgen zu einer einheitlichen Regelung in Fragen der Kirchendisziplin, der dogmatischen Ausrichtung, etc. gelangen. Es wird von uns verlangt, dass wir vom lebendigen Gott Zeugnis ablegen und dass wir aufzeigen können, was das für den Menschen bedeutet. Wie sich sein Leben verändert, Heil wird durch diesen Blick auf Gott.

Und ich denke, es braucht uns vor so einer Aufgabe nicht angst und bang werden. Auch die Apostel selbst, Petrus im gehörten Evangelientext, waren selbst zunächst Verwunderte und Staunende, suchende Zeitgenossen, bevor sie durch die Begegnung mit dem Auferstandenen zu seinen tragenden Zeugen werden konnten.

Schauen wir zunächst auf die Frauen. Die Zuwendung zu Jesus hat sie hingetrieben zum Grab und sie sahen, dass es offen stand. Also gingen sie hinein und fanden nichts. Denn das Grab war leer. Sind diese Frauen nicht auch ein Sinnbild für uns selbst. Die Zuwendung zu Jesus treibt uns immer wieder hin und wenn wir eintreten in die altehrwürdigen Gebäude unserer Überlieferungen und Lehrtraditionen finden wir zwar viel Interessantes herumliegen, aber eigentlich finden wir zunächst nichts, was unser Leben heute verändern würde. Wir stehen wie die Frauen damals ratlos da.

Wir brauchen genauso die Zuwendung der Männer im Grab, der Engel oder himmlischen Boten, die uns ansprechen und uns sagen: Was macht ihr hier, was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: ich werde gekreuzigt und nach drei Tagen werde ich auferstehen. Nach dieser Ansprache kehren die Frauen in den vertrauten Kreis zurück und überbringen diese Botschaft.

Wenn wir angesprochen werden, ist es zunächst gut, wenn wir uns erinnern. Erinnern an die Tradition der Jesusüberlieferung in unseren Kirchen, erinnern an die Theologien und Lehrgebäude, die Jesus als Lebendigen ihrer Zeit jeweils vorgestellt haben. Und die Erinnerung kann uns zur Gewissheit führen: Ja, er ist wirklich auferstanden. Mag dann sein, dass unsere Umgebung das nicht für möglich hält wie damals der Kreis in Jerusalem. Man hielt das einfach nur für Geschwätz. Immerhin Petrus machte sich auf den Weg, um die Sache selbst in Augenschein zu nehmen. Was sieht er? Das leere Grab, die Leinenbinden, also etwas das übrig geblieben ist und och herumliegt. Was löst das bei ihm aus? Verwunderung - noch keinen Glauben.

Der Glaube erwächst aus der Begegnung mit dem Auferstandenen, aus den Erscheinungen Christi. Dann erst wird für Petrus zur Gewissheit und zum Brennpunkt seines Lebens: Christus ist wahrhaft aus dem Grab erstanden - er ist der Anführer zum Leben. Sich auf ihn einlassen, diesen Anführer zum Leben vielen bekannt machen, das ist jetzt meine Aufgabe. Das ist heute unsere Aufgabe.

Um für diese Aufgabe gerüstet zu sein, ist es gut sich in der eigenen Tradition und Kirche gut auszukennen, dort beheimatet zu sein. Sich aus diesem Überlieferungsschatz eine Fülle von Anregungen zu holen, aus der Theologie, der Mystik und der Liturgie, aus der Askese, dem diakonischen Einsatz und vielen anderen Dingen, die in unseren Konfessionen und Kirchen gepflegt werden. Sie geben uns die Gewissheit, dass wir hineingehen wie es eben im Evangelium hieß. Vielleicht begegnen wir drinnen wie die Frauen den Boten des Himmels, den Boten Gottes, die unsere Augen und Herzen aufschließen - vielleicht aber auch nicht, wie es dem Petrus erging, der es auch nicht sah, sondern nur verwundert war.

Aus der Bestärkung heraus, die uns die eigenen Tradition schenkt, können wir dann die Aufgabe angehen, Zeuge der Auferstehung heute zu sein. Wir sind ja der Überzeugung, dass in unseren Kirchen Gottes heiliger Geist wirkt, dass er uns die Begegnung mit dem Auferstandenen ermöglicht. Durch dieses Gnadengeschenk sind wir berufen und beauftragt Auferstehungszeugen zu sein.

In der gemeinsamen Überlieferung der Taufe und in der Praxis der Spendung dieses Sakramentes bekennen wir uns gemeinsam zum Tod Jesu, zu seinem Grab und wir erhoffen gemeinsam im Glauben die Auferstehung von den Toten, wie es Paulus im Römerbrief (6,4f) festhielt: "Wir wurden au seinen Tod getauft und sind mit ihm begraben worden. Damit wir, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters auferweckt, wurde auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich ihm gleich geworden sind im Tod, werden wir mit ihm auch in der Auferstehung vereinigt sein."

Es ist guter Brauch den Taufglauben bei der Auferstehungsfeier jedes Jahr zu erneuern. Der Ausgangspunkt der Taufe ist die Taufe von Gläubigen. Doch weit verbreitete Praxis ist die Kindertaufe, auch wenn Gläubigentaufen neu hinzugekommen sind. Wer heute sein Kind taufen lässt, tut dies meist, weil im Erscheinen eines neuen Menschenlebens aus dem eigenen heraus die Dimensionen des Wunderbaren und Unbegreifbaren auftauchen - Transzendenzerfahrung eben. Dabei wird auch die Frage laut: welchen Sinn hat dieses neue Leben - welchen Sinn hat mein Leben?

Nicht die Frage, wie das Leben einen gnädigen Gott findet, sondern ob es Gott überhaupt gibt und welchen Sinn mein Leben angesichts seiner Existenz haben könnte, sind die Fragen von heute. Wie können wir da unseren gemeinsamen Glauben an Tod und Auferstehung Jesu einbringen? Geht dieser Glaube nicht von ganz anderen Voraussetzungen und Erfahrungen aus? Eben der, dass es Gott gibt?

Andererseits ist es aber doch wohl auch möglich, dass die biblische Botschaft die Frage unserer Menschen heute verändern kann. Die ratlose und anklagende Frage an Gott, ob es ihn denn überhaupt gäbe, stellte schon Hiob. Aber seine Frage wurde umgewandelt. Nicht Gott klagte er mehr an, sondern es wurde ihm zugemutet, sich selbst in Frage zu stellen. Petrus hat das auch in der Begegnung mit Jesus erfahren. Er sah sich in Frage gestellt und sagte zu Jesus: "Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch." (Lk 5,8)

Nicht wie die Rätsel der Welt gelöst werden, sondern wie unser Leben gelingen kann, das ist die entscheidende Frage. Diese Frage stellt sich an uns und an die Ausrichtung unseres Lebens. Martin Luther hat bei der Taufe vom Beginn eines Prozesses gesprochen, dieser Prozess ist geprägt vom täglichen Streben und Auferstehen, der erst mit dem eigenen Streben an sein Ende kommt. Luther sagt: "Der alte Adam in uns soll durch täglich Reu und Buße ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten, und wiederum täglich herauskommen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit für Gott ewiglich lebe." 3  Solche Erneuerung des Taufglaubens könnte das täglich Brot von Christen sein und dieser Vaterunser-Bitte eine ganz neue und tiefe Dimension verleihen.

Durch Erneuerung unseres Taufglaubens wird deutlich, dass wir erlöst sind durch den Tod und die Auferstehung Jesu. In dieses Geheimnis göttlicher Liebe sind wir hineingenommen durch Glaube und Taufe. Davon haben wir zu berichten in Wort und Leben, durch Lehre und Praxis. Dieser Taufglaube eint uns alle zusammen, auch wenn wir vielleicht noch Nuancen des Verständnisses anbringen und uns eine Erneuerung und Vertiefung des Taufglaubens wünschen. Aber die Taufe als die Hineinnahme in den Tod und die Auferstehung bleibt unser gemeinsames Fundament, auf dem wir aufbauen, egal wann wir nun Ostern feiern, zu welchem Termin auch immer. Der Glaube an die Auferstehung Jesu prägt uns gemeinsam und dieser Glaube ist das gemeinsame Fundament auch unserer christlichen Lebenspraxis. Und die und unser Zeugnis durch das Wort darf aller Welt und jedem Menschen bekannt gemacht werden. Dieses Glaubenszeugnis ist der Dienst an den Menschen, der uns heute aufgetragen ist.

Was lese ich im Nachrichtenmagazin Focus von dieser Woche? "Die Kirche werde heute dringend gebraucht, schließlich sei sie die ‚einzige globale Organisation, die sich der globalen Herrschaft der Wirtschaftsinteressen in den Weg stellen könnte'." 4

Welchen Sinn hat eigentlich das Christsein? Dem Christsein geht es um die Würde des Menschen und um sein Heil, das Gott ihm schenken will. Die panorthodoxe Konferenz hat 1986 dazu formuliert: "Der Hunger, der heute die Menschheit plagt, und die enorme Ungleichheiten sprechen sowohl in unseren eigenen Augen als auch in denen des gerechten Gottes ein hartes Urteil über uns und unsere Zeit. Denn Gottes Wille, der auch heute nichts anderes als das Heil des konkreten Menschen hier und jetzt zum Ziel hat, verpflichtet uns, dem Menschen zu dienen und uns unmittelbar mit seinen konkreten Problemen auseinander zu setzen. Getrennt von der diakonischen Sendung ist der Glaube an Christus sinnlos. Christsein bedeutet, Christus nachzufolgen und bereit zu sein, ihm im Schwachen, im Hungrigen, im Hilfsbedürftigen zu dienen. Jeder andere Versuch, Christus real unter uns gegenwärtig sehen zu wollen, ohne ihn in dem zu suchen, der unsere Hilfe bedarf, ist leere Ideologie." 5

Das Eintreten für den Menschen, für seine Würde und seine Freiheit, das Auftreten gegen Mächte und seien sie heute auch noch so mächtig, die den Menschen gerade darin einengen, ist ein Zeugnis unseres Auferstehungsglaubens. Auf diesem Hintergrund ist auch das gemeinsame Eintreten für das Leben zu sehen, das gerade dieser Tage nach den Beschlüssen in Holland zur Euthanasie deutlich zu hören war.

Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Krankheiten, Unfriede und Hass sind Einflüsse gegen die unser "Anführer zum Leben" (Apg 3,15) eingetreten ist zum Heil der Menschen. Wenn wir dies auch tun, und nicht nur davon Reden in großen Lehrgebäuden, dann wird dieses unser Auferstehungszeugnis auch heute gehört und verstanden.

Der Ostertermin ist nur ein äußerliches Zeichen - ein Streit darüber lohnt eigentlich nicht, wenngleich ein gemeinsamer Termin ein schönes Zeugnis wäre. Wichtiger aber bleibt unser lebendiges Auferstehungszeugnis durch Glaube und durch gelebte Praxis neben überzeugenden Worten.

Wollen wir Gott darum bitten, dass uns dieses Zeugnis heute gemeinsam gelingt.

Amen


Anmerkungen:

  1. Vgl. dazu GOTTESDIENST, Jg. 35, Freiburg, Nr. 7 vom 18.4.2001, S. 49ff, Gemeinsames Ostern? (zurück)
  2. NZ 198. Jg. Nürnberg, Nr. 88 vom 14-16.4.2001, S.1, Ein Verstoß gegen das fünfte Gebot (zurück)
  3. Martin Luther, Kleiner Katechismus, 4. Hauptstück (zurück)
  4. Focus Nr. 16 vom 14.4.2001, S. 124 Der Kick für Kardinäle (zurück)
  5. zitiert nach Una Sancta 42, 1987, S. 22f (zurück)
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